Albert Speer
"Germania" - Die Umgestaltung Berlins (ab 1937)
 

ausführliche Quellentexte


 

Am 11. Januar 1938 erhielt Albert Speer den Auftrag für den Bau des "ersten Verwaltungsgebäudes des Dritten Reiches": die "Neue Reichskanzlei" in der Voßstraße. Die Abbrucharbeiten der alten Reichskanzlei begannen im Mai 1937; ab April 1938 wurde an dem Neubau gearbeitet. Schon am 2. 8.1938 konnte das Richtfest gehalten werden und am 9. Januar 1939 wurde der Bau, der eine bebaute Fläche von über 16.000 m2 und 360.000 ccm3 umbauten Raum einnahm, eingeweiht. 4.500 Arbeiter waren in zwei Tagesschichten beschäftigt, die Arbeitsstätte des "Führers" aus edelstem Material zu errichten: "Das Bauwerk ist nach keinem materiellen Gesichtspunkt errichtet worden. Die Verwirklichung einer Idee war seine Bestimmung" (Gieseler 1940). Weiter heißt es von diesem Bau: "Wohlabgewogene, hoheitsvolle Formen und Materialechtheit bis zum letzten Raum kennzeichnen die volle Baugesinnung dieses ersten Verwaltungsgebäudes des Dritten Reiches ... Es ist ein bewußtes Sinnbild der Größe des Dritten Reiches und seines Schöpfers. Dieser Auftakt an architektonischer Würde gab auch den Erbauern öffentlicher Bauten minderen Ranges das Recht und die Pflicht, über die Erfüllung des nüchternen Zwecks hinaus die Monumentalbauten der öffentlichen Verwaltungsgebäude in die Sphäre des architektonischen Kunstwerkes zu erheben" (Seeger 1943).

Die eigentliche Neugestaltung Berlins wurde im größten Maßstab geplant. Sie findet ihre gesetzliche Regelung im Gesetz vom 4. Oktober 1937, das Enteignung, Entschädigung, Steuervergünstigungen und Vorverkaufsrecht festlegt. Mit dem Erlaß vom 30. 1. 1937 wird A. Speer zum Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt ernannt und somit für sämtliche Planungen und deren Ausführung bevollmächtigt. "Der Führer selbst hat auch hier die Initiative ergriffen und den Entschluß gefaßt, einige große Städte des Reiches planmäßig auszubauen. Am 30. Januar 1937 hat der Führer vor dem Reichstag erklärt, daß der Ausbau Berlins zu einer wirklichen und wahren Hauptstadt des Deutschen Reiches an der Spitze der städtebaulichen Äußerungen unserer Zeit stehen soll".

Obwohl für die Umgestaltung rationelle Gründe, wie höheres Verkehrsaufkommen, Schaffung von mehr Grünflächen, Errichtung neuer Wohnzentren aufgrund des Bevölkerungszuwachses usw., angeführt werden, muß die Funktion der geplanten Bauten mehr unter dem Motiv der Repräsentation des Staates, der Wirtschaft und der Partei gesehen werden. "Die Vorarbeiten sowie die kommunalpolitischen und sozialpolitischen Motive (Sanierung, Verkehrsführung, Grünplanung usw.) werden in die Kulissen gedrängt, auf der von der Propaganda grell ausgeleuchteten Szene agieren allein der Führerwille und seine zunächst für Berlin und die Gauhauptstädte ... ernannten Generalinspektoren".

Der neugeplante Stadtgrundriß sollte in Zukunft von einem Achsenkranz, der Nord-Süd- und der Ost-West-Achse beherrscht werden, deren vier Endpunkte an den Reichsautobahnring Anschluß finden sollten. "Nach den Ideen des Führers, die bereits viele Jahre zurückliegen, habe ich einen Plan für die neue Reichshauptstadt aufgestellt, dessen Gerippe das Kreuz der beiden Achsen ist die Berlin von Osten nach Westen und von Norden nach Süden durchqueren und die Innenstadt an den Ring der Reichsautobahnen anschließen" (Speer 1939).


Gesamtplanung

Modell der von Grund auf veränderten Innenstadt Berlins

Vergrößerung:
klein - mittel - groß

Nord-Süd-Achse
Blick auf den Triumphbogen. Im Hintergrund links oben die Große Versammlungshalle.
Blick über den Triumphbogen auf die Große Versammlungshalle (Modell)

Das Vorbild für die neue großzügige Straßenplanung sah Hitler in den Boulevards, die George E. Haussmann in Paris 1853 - 1870 errichtete.

Für die Ost-West-Achse war eine Verbreiterung und Verlängerung des vorhandenen Straßenzuges: "Unter den Linden" - "Charlottenburger Chaussee" - "Kaiserdamm" - "Heerstraße" vorgesehen.

Folgende Teilabschnitte sollten im Zuge des Ausbaus der Achse fertiggestellt werden:

1. Anbindung des Straßenzuges im Westen an die Reichsautobahn
2. Abschnitt zwischen Spandau und Adolf-Hitler-Platz (Heerstraßengebiet mit Hochschulstadt)
3. Abschnitt zwischen Adolf-Hitler-Platz und Brandenburger Tor
4. Abschnitt 'Unter den Linden'
5. Ostdurchbruch zwischen Lustgarten und östlicher Stadtgrenze
6. Anbindung des Straßenzuges im Osten an die Reichsautobahn.

Mit dem Teilabschnitt Adolf-Hitler-Platz - Brandenburger Tor wurde 1937 begonnen und im April 1939 konnte die verbreiterte Achse ihrer Bestimmung übergeben werden.

Die Veränderungen der Ost-West-Achse wurden ausgehend von der Gesamtbreite des Kaiserdammes (50 m) vorgenommen und beschränkten sich im wesentlichen auf die Umordnung der Fahrbahnen durch Beseitigung der beiden inneren Baumreihen. Die neue Fahrbreite je Damm betrug 14,5 m, hinzu kam eine Haltespur von 2,5m. Die Mittelachse des Straßenzuges wurde begradigt, erweitert und wie folgt festgelegt: Achse Kaiserdamm - Bismarckstraße - südliche Stützenreihe der alten Unterführung am Bahnhof Tiergarten, - Mittelpunkt Großer Stern - Vorplatz der Technischen Hochschule.

Die fast fertiggestellte Ost-West-Achse findet ihren Mittelpunkt im ‚Großen Stern', wo sich in Zukunft die Siegessäule und die Denkmäler der Schöpfer des Zweiten Reiches erheben werden". Die Siegessäule wurde vom Königsplatz entfernt, weil dieser im Zuge des Ausbaus der Nord-Süd-Achse zum ‚Aufmarschplatz der Nation' erklärt wurde. Gleichzeitig mit dem Wechsel des Standortes wurde die Säule durch Einfügen einer vierten Säulentrommel von 61 m auf rund 68 m erhöht.

Die Ost-West-Achse sollte durch das Brandenburger Tor hindurchgeführt werden. Zunächst wurden die dreigeschossigen Wohnhäuser ringsum das Brandenburger Tor abgebrochen, um einen Freiraum zu schaffen und um die beiden niedrigen Säulenhallen so auseinanderrücken zu können, daß eine 14 m breite Durchfahrt zwischen ihnen und dem Haupttor entstand. Die innerhalb des Haupttores untergebrachten Wachtgebäude für die Polizei und Militär wurden zugunsten eines Fußgängerdurchgangs beseitigt. Gleichzeitig wurden an die kleinen Säulenhallen anschließende neue Wachtgebäude errichtet. Somit wurde das Tor von 62 m auf 149 m verbreitert. Zur gleichen Zeit war auch schon der größte Teil der Autotunnelanlage an der Kreuzung der Achsen unter der Charlottenburger Chaussee ausgebaut. ‚Unter den Linden' wurde eine neue Straßenbeleuchtung von insgesamt 1.406 Lampen installiert, die die sechsfache Wirkung der alten hatten.


Ost-West-Achse

Blick auf die Siegessäule Umgestaltung des Brandenburger Tors Beleuchtungsmast
Ost-West-Achse

"War die Ost-West-Achse bereits zu einem Teil da und bedurfte sie lediglich einer erheblichen Verbreiterung und konsequenten Weiterführung bis an die Reichsautobahn im Osten und Westen, so bedeutete die Nord-Süd-Achse - das eigentliche repräsentative Kernstück der neuen Reichshauptstadt - eine völlige Neuanlage im Herzen der Stadt" (Teut 1967). "Sie sollte zum kommerziellen wie ideologischen Zentrum der neuen Stadt ausgebaut werden. Sämtliche repräsentativen reichswichtigen Neubauten, darunter auch Verwaltungsgebäude der Wirtschaftskonzerne sollten diese Prachtstraße zu geschlossener Wirkung vereinen" (Brenner 1963). Begrenzt wurde die 7 km lange Nord-Süd-Achse von jeweils einem Bahnhof, wobei der verkehrswichtigere der Südbahnhof war: "Die vergleichsweise beste Lösung fanden wir beim Zentralbahnhof, dem südlichen Beginn von Hitlers Prachtstraße, der sich durch ein weitgehend sichtbares Stahlskelett, das mit Kupferplatten verkleidet und mit Glasflächen ausgefacht werden sollte, von den übrigen steinernen Ungetümen vorteilhaft abgehoben hätte. Er sah vier übereinanderliegende, mit Rolltreppen und Fahrstühlen verbundene Verkehrsebenen vor und sollte den New Yorker Grand Central Terminal übertreffen ... Der Bahnhofsplatz von tausend Meter Länge und dreihundertdreißig Meter Breite wäre, nach dem Muster der Widderallee von Karnak nach Luxor, von Beutewaffen umsäumt worden" (Speer).


Die Große Versammlungshalle

Entwurfsskizze Hitlers für den großen Kuppelbau, den er schon 1925 für Berlin plante 1937 entstandenes Modell der Großen Versammlungshalle. Die geplanten Größenverhältnisse werden durch das Brandenburger Tor verdeutlicht (rechts unten). Modell von 1938 Zuschnittsmodell 1941
Vor das Portal wollte Speer zwei 15 m hohe Figuren platzieren, die den "Träger des Himmels" und den "Träger des Erdballs" symbolisieren würden.
Portal mit Eckturm Die Kuppelhalle war der geplante Höhepunkt der Nord-Süd-Achse.

Modell der Planfassung 1941/42

Rückwärtige Ansicht  (Modell) der 
Großen Versammlungshalle

Auf dem Schnittpunkt der beiden Achsen, dem Königsplatz, sollte die große ,Kuppelhalle' errichtet werden. Diese "größte bis dahin erdachte Versammlungshalle der Welt bestand aus einem einzigen Raum ... Der Durchmesser der Kuppel sollte 250 m betragen. Darunter konnten sich auf einer rund 38.000 m2 großen freiüberwölbten Fläche über 150.000 Menschen stehend versammeln" (Speer). Die 'Große Halle' hatte eine Höhe von 290 m, während das Reichstagsgebäude 75 m und das Brandenburger Tor nur 29 m erreichten. Um eine Kreisfläche von 140 m Durchmesser stiegen im Innenraum drei Tribünenränge auf. Die innere Kuppelschale aus Granit, kassettenartig strukturiert, wölbte sich über eine Spannweite von 250 m und öffnete sich an ihrem Scheitelpunkt zu einer Lichtöffnung von 46 m Durchmesser.

Den Vorwurf der Verschwendung öffentlicher Mittel zurückweisend, sieht Hitler die Finanzierung dieses Projektes durch Einnahmen touristischer Eintrittsgelder gewährleistet: "Die ganze Welt kommt nach Berlin, um sich unsere Bauten anzusehen. Den Amerikanern brauchen wir nur bekannt zugeben, was die große Halle kostete. Vielleicht legen wir noch was drauf und sagen statt einer Milliarde eineinhalb. Das müssen sie dann gesehen haben: den teuersten Bau der Welt" (Hitler).


Führerpalast

Der in unmittelbarer der Kuppelhalle gelegene Bau war fensterlos und nur mit Schießscharten ausgestattet. Neben den Amtsräumen sollte er einen Speisesaal von fast 3.000 Quadratmetern sowie ein Theater für rund 1.000 Zuschauer enthalten.

Neben der gewaltigen Versammlungshalle sollte zwischen Südbahnhof und Rundem Platz ein 120 m hoher Triumphbogen, Gegenpol zur ‚Großen Halle', als Denkmal für die Toten entstehen: "Das wird wenigstens ein würdiges Denkmal für unsere Toten des Weltkrieges. Der Name jedes unserer 1,8 Millionen Gefallenen wird in Granit eingemeißelt werden" (Hitler). "Im Schnittpunkt der beiden Stadtachsen, mitten auf dem Königsplatz, sollte es errichtet werden. Für jede Torsäule war eine Fundamentplatte von 90 x 70 m vorgesehen. Seit 1940 wurde der märkische Sand in Berlin-Tempelhof durch einen 12.000 t schweren Betonklotz auf seine Tragfähigkeit geprüft" (Brenner 1963).


Triumphbogen

Hitlers Skizze für den Triumphbogen von 1925 Speers Modell wird präsentiert. Im Sprachgebrauch der Beteiligten wurde der Bogen wohl aus abergläubischer Scheu "Bauwerk T" benannt. Modell (Ausschnitt aus der Gesamtanlage)

Der Runde Platz (210 m Durchmesser), zwischen Kuppelhalle und Südbahnhof gelegen, sollte von folgenden Bauten umsäumt werden:

  1. "Haus des Deutschen Fremdenverkehrs" - Grundsteinlegung 14. Juni 1938, Architekten: Ministerialrat Röttcher und Regierungsbaurat Dierksmeier ... "Das Gebäude wird am ,Runden Platz' mit seinen aus edlem Steinmaterial gewölbten Arkaden, den hohen Fenstergewänden der Säle und den charaktervollen Werksteingesimsen eine Note anschlagen, die alle Fremden, die Berlin besuchen, wird aufhorchen lassen" (Seeger 1943).

  2. Gegenüberliegend das Verwaltungsgebäude der Allianz-Versicherungs-AG nach den Entwürfen von Prof. Karl Wech und Regierungsbaurat Heinrich Rosskothen, Düsseldorf.

  3. Das Kasinogebäude des Heeres nach dem Entwurf von Prof. Dr. Wilhelm Kreis, Dresden.

  4. Das Ufa-Lichtbildtheater und Kameradschaftshaus der deutschen Künstler nach Entwürfen von Theo Dierksmeier und Hans Flehr, Berlin.

  5. Thüringenhaus nach Entwurf von Prof. Hermann Gieseler, Weimar.

Im Anschluß an den monumentalen Mittelteil wurde der Charakter einer Geschäfts- und Vergnügungsstraße noch einmal für eine Strecke von über 1 km aufgenommen und mit dem ,Runden Platz', am Schnittpunkt mit der Potsdamer Straße, abgeschlossen.


Der Runde Platz

Runder Platz, Modell
mit Blick auf das Haus des Deutschen Fremdenverkehrs
Haus des Deutschen Fremdenverkehrs

Von hier ab nach Norden begann es erneut feierlich zu werden: Zur rechten Hand erhob sich die von W. Kreis entworfene 'Soldatenhalle', ein riesiger Kubus . .. Hinter der Halle erstreckten sich nach Westen bis zur Bendler Straße die Bauten für ein neues Oberkommando des Heeres" (Speer).


Soldatenhalle und Oberkommando des Heeres

Soldatenhalle (1939)
Architekt Wilhelm Kreis
Plastiken von Arno Breker
Eingangsfront der Soldatenhalle
Modell
Oberkommando des Heeres
Nord-Süd-Achse
Architekt: Wilhelm Kreis (1938)
Oberkommando des Heeres
Innenraum der Soldatenhalle (1938)
Modell zum Ehrenhof im Oberkommando der Wehrmacht (1939)